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Zehn Jahre danach – SG Wallau/ Massenheim Deutscher A-Jugendmeister

Wieland Berkholz blickt zurück:

„Sie waren nah dran an der Sensation. Die männliche A-Jugend der HSG Dutenhofen/ Münchholzhausen bot dem favorisierten SC DHfK Leipzig in den beiden Finalspielen einen großen Kampf und verpasste die Meisterschale äußerst knapp.“

Damit bleibt die SG Wallau/ Massenheim der einzige hessische Verein, welcher jemals den Titel in der A-Jugend erringen konnte. Dieser Coup gelang vor ziemlich genau zehn Jahren. Grund genug zurück zu blicken und die Beteiligten noch einmal zu Wort kommen zu lassen.

Erster Ansprechpartner für unsere Fragen ist der damalige Meistertrainer Thomas Scherer.
Dieser ist seit vielen Jahren als Trainer im Rhein-Main-Gebiet tätig und betreut aktuell die Herren der TSG Eddersheim in der Landesliga. Scherer lässt den damaligen Weg zum Titel noch einmal Revue passieren:

„Zu unserer Zeit gab es noch kein A-Jugendbundesliga. Wir mussten uns zunächst in der Regionalliga durchsetzen. In der Staffel Ost kamen die stärksten Gegner aus Obernburg, Dutenhofen und Eisenach. Dann besiegten wir in zwei Spielen um die südwest-deutsche Meisterschaft den TV Offenbach. Dem Modus folgend trafen wir auf den westdeutschen Meister TSG Altenhagen-Heepen, um dann das Halbfinale gegen den SC Magdeburg zu erreichen. Der Finalgegner hieß dann TV Kornwestheim.“

Im Halbfinale gegen den haushohen Favoriten des damaligen Abonnementmeisters behielt in der Schlusssekunde mit Tobias Hahn einer der jüngsten Spieler auf dem Feld die Nerven und verwandelte den entscheidenden Strafwurf zum 26:28, wodurch er sein Team in der Endabrechnung mit einem mehr erzielten Treffer ins Finale warf. Das „Spiel seines Lebens“ machte in dieser denkwürdigen Begegnung mit Markus Quilitzsch ein Spieler, welcher im Anschluss nur kurz für die TSG Münster in der zweiten und dritten Liga aktiv war und mittlerweile wieder für seinen Heimatverein Sportfreunde Budenheim in der Oberliga aktiv ist.

Der ehemalige Co-Trainer der DHB-Herrenauswahl Jan Gorr – heute Zweitligacoach bei HSC Coburg – war damals Augenzeuge:
„Ich war zu dieser Zeit im Dutenhofener Nachwuchs Jugendtrainer und habe mir jedes Jahr Entscheidungsspiele in Magdeburg angeschaut. Das war zu dieser Zeit eine logische Entscheidung, denn der SCM war zu dieser Zeit Abonnementmeister. Erst ein paar Jahre später gab es mit den Flensburgern einen starken gleichwertigen Jahrgang, bevor sich später das Zentrum der deutschen Nachwuchsarbeit zu den Füchsen nach Berlin verlagerte. Die SCM-Spieler hatten durch das Sportgymnasium die Gelegenheit auch morgens zu trainieren. Die kamen bestimmt auf sieben Trainingseinheiten pro Woche.“

Nur drei Trainingsheiten mit der kompletten Mannschaft

Dem gegenüber bestand für Scherer nur dreimal in der Woche die Möglichkeit, mit seiner kompletten Mannschaft zu trainieren.
„Es gab zwei Handball-spezifische Einheiten sowie ein Athletikeinheit.“ Dazu hatte ein Teil des Kaders die Möglichkeit zusätzliche Trainingseinheiten mit dem Regionalligateam der SG Wallau/ Massenheim zu absolvieren. Deren Trainer war zu dieser Zeit mit Jörg Schulze ein anerkannter Fachmann in der Nachwuchsausbildung.

Der damalige Kreisläufer Yves Gramlich sieht im Nachhinein in der Existenz dieser Regionalligamannschaft einen der wichtigsten Faktoren für die Gewinnung von talentierten Nachwuchsspielern:
„Ich stamme aus der Gegend um Worms und lebte vor meinem Wechsel nach Wallau für ein Jahr im Eisenacher Sportinternat. Mein Zimmerkollege war beispielsweise Stefan Kneer, welcher es als einziger Eisenacher zum Nationalspieler gebracht hatte. Die zweite Mannschaft spielte damals nur in der Thüringenliga. Somit war der Übergang nicht gegeben. In Wallau war abzusehen, dass dort etwas entsteht. Ein Beispiel war Mihajlo Djurdjevic, welcher allein schon von der Physis her zu den stärksten Halblinken seines Jahrgangs zählte. Wenn man in der Gegend wohnte und in einen Verein mit guter Perspektive wollte, war Wallau die beste Adresse. Spieler wie Immel, Hens, Werum oder Behrends hatten damals den Sprung geschafft.“

Thomas Scherer, welcher gleichzeitig auch Trainer der Hessenauswahl war, hatte die Talente im Blickfeld. In Zusammenarbeit mit dem damaligen sportlichen Leiter Dieter Großkurth wurden Talente angesprochen und ab der B-Jugend gezielt gesichtet. Darunter auch Spieler, welche mit Unterstützung der Eltern weite Anfahrtswege in Kauf nahmen. So pendelten Sebastian Eisenhauer und Michael Allendorf aus dem Odenwald oder Christopher Prinz mit der Bahn aus Limburg. Ein entscheidender Punkt sei jedoch die Unterstützung der Eltern gewesen. „Wir hatten zu Beginn des ersten A-Jugendjahres einen Elternabend in welchem, dass Konzept vorgestellt wurde. Von diesem Zeitpunkt an haben alle Eltern an einem Strang gezogen und sich beispielsweise mit dem Fahrdienst abgewechselt.“

Bis zu 160 Kilometer Fahrt für eine Trainingseinheit

Einen immensen Aufwand betrieben beispielsweise die Eltern von Michael Allendorf und Sebastian Eisenhauer. Für beide Spieler bedeute die Pendelei um die 160 Kilometer Fahrt je Trainingseinheit. Da Allendorf teilweise schon im Bundesligateam mittrainierte, waren Wochen mit fünf Trainingseinheiten keine Seltenheiten

Jörg Allendorf, Vater des Nationalspielers, stellt jedoch klar, dass nicht sein persönlicher Ehrgeiz der Grund für diesen hohen Aufwand – er teilte sich den Fahrdienst mit anderen Elternteilen – darstellte.
„Als Vater hat es mich gefreut zu sehen, mit welchem Elan sich Michael für diesen Sport engagiert hat. In der heutigen Zeit mit all ihren Ablenkungen und auch Verführungen war ich schon berührt zu sehen, wie sich Michael in dieser tollen Truppe auch menschlich entwickelt hat. Ich denke, dass auch der Großteil der anderen Eltern von dieser Tatsache begeistert waren.“

Der Großteil der Mannschaft fand ihren Weg in der C- und B-Jugend nach Wallau und spielte somit ihm Jahr der Meisterschaft mindestens drei Jahre zusammen. In der starken Konkurrenzsituation sieht Linkshänder Hahn, welcher im dritten Jahr beim mittelhessischen Bundesligisten HSG Wetzlar, auf Torejagd geht, einen weiteren Grund, dass trotz nur dreier gemeinsamer Trainingseinheiten letztlich der Meistertitel zu Buche stand:
„Wir hatten im Meisterjahr, als ich zur Mannschaft aus der B-Jugend stieß, einen sehr hohen Konkurrenzdruck. Kein Spieler konnte es sich leisten mal eine Einheit auszulassen. Vor allem gab es keinen Neid. Auch die Spieler, welche an Spieltagen nicht auf dem Spielberichtsbogen standen, waren Feuer und Flamme für das Team.“

Thomas Scherer sieht in der Situation der HSG Dutenhofen/ Münchholzuhausen Parallelen zur Situation in Wallau. „Mittelhessen ist von jeher eine der handballverrücktesten Gegenden in Deutschland. Mit Hüttenberg und Wetzlar gibt es zwei Leistungszentren, welche bei einer eventuellen Kooperation sogar noch mehr aus dem Talentepool formen könnten. Es gibt dort mit Jochen Beppler, Thomas Weber oder Arno jung viele gestandene Trainer, welcher Jugendliche in diesen entscheidenden Jahren ihrer Entwicklung fördern können. Von daher ist es mit einem guten Konzept immer noch möglich, wenn auch schwerer, in die Phalanx der Sportinternate mit bis zu acht Trainingseinheiten pro Woche einzubrechen.“

In einen Phänomen sieht sich Scherer nach 10 Jahren immer noch bestätigt: „Aus der Wallauer A-Jugendmannschaft haben es es mit Allendorf, Hahn und Schimmelbauer Außenspieler direkt in die Bundesliga bzw. die Zweite Liga geschafft. Der körperliche Unterschied auf der Schwelle in dem Seniorenbereich, wenn wir von der ersten oder zweiten Liga sprechen, ist einfach immens. Das schaffen nur Ausnahmetalente wie Steffen Fäth oder aktuell Paul Drux, welche auch schon mit 19 den entsprechenden Körper mitbringen.“

Die aktuelle Entwicklung der HSG Wallau/ Massenheim sieht Scherer mit etwas Wehmut.
„Der Verein hat in den letzten Jahren viel zu wenig aus seinem Möglichkeiten gemacht.
Im Rhein-Main Gebiet gibt es mit der HSG VfR/ Eintracht Wiesbaden noch ein leistungsbezogenen Verein, der auf die eigene Jugend baut. Hessenweit spielt Wallau vorerst keine Rolle mehr.“


   

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