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Interview mit Carsten Hoffmann, bis Ende Juni 2017 Sportlicher Leiter des Erstligaaufsteigers TSG Ludwigshafen-Friesenheim.

Die TSG Ludwigshafen-Friesenheim berichtet:

Carsten Hoffmann: „Immer in Bereitschaft“

Foto: Pressedienst
Ben Matschke und Carsten Hoffmann kennen und schätzen sich. Beim TV Hochdorf arbeiteten sie erstmals zusammen, Ersterer als Chef- und „Hoffi“ als Co-Trainer. Die Beiden bewahrten die Pfalzbiber 2013 in einem Herzschlagfinale vor dem Abstieg und formten den TVH in den folgenden zwei Jahren zu einem Spitzenteam der leistungsstarken 3. Liga Süd. Ihren gemeinsamen Weg setzte dieses Duo ab dem Sommer 2015 dann bei der TSG Ludwigshafen-Friesenheim fort, wo Carsten Hoffmann eine Runde als Torwarttrainer fungierte und Anteil daran hatte, dass Keeper Kevin Klier zum besten Torwart der Saison 2015/16 gewählt wurde. In der folgenden Spielzeit übernahm der 41-Jährige trotz eines Arbeitsplatzwechsels die Sportliche Leitung beim Zweitligisten und führte in den letzten Wochen und Monaten die Vertragsgespräche. Im folgenden Interview äußert sich der frühere Zweitligatorwart des TV Kornwestheim, der mittlerweile in Reutlingen auch wohnt, unter anderem zu seinem Funktionswechsel bei den Eulen, zur Kaderzusammenstellung für die kommende Saison und erläutert seinen Visionen hinsichtlich  der TSG und des Standortes Ludwigshafen.

Wie lange musstest Du überlegen, neben als Sportlicher Leiter bei der TSG einzusteigen? Und was gab letztlich den Ausschlag dafür?

Carsten Hoffmann: Eigentlich nicht lange. Ausschlaggebend war der Vorschlag von Ben Matschke, unsere bisherige erfolgreiche Zusammenarbeit unter Reduzierung des zeitlichen Aufwandes für die Fahrten nach Ludwigshafen und zurück zu meinem Wohnort im Schwarzwald fortzusetzen. Das war die Grundlage für eine weitere Zusammenarbeit – ich wollte einfach nicht mehr so viel Freizeit auf der Straße liegenlassen. Alles andere hatte ja gepasst, ich war gern Co-Trainer dieser Mannschaft und Teil dieses Vereins.

Wie wächst man in dieses Amt hinein?

Hoffmann: Am besten, indem man sofort die Arbeit aufnimmt und die Dinge erledigt, die zu organisieren sind. Ich hatte ja den Vorteil, dass ich sowohl beim TV Hochdorf als auch vergangene Saison bei den Eulen bereits einige Dinge, wie z.B. die Trainingslager, organisiert hatte. So war mir die Aufgabe nicht neu. Ganz im Gegenteil, ich hatte ja bereits schon Erfahrungen sammeln können. Vorteilhaft war natürlich, dass ich sowohl die Mannschaft als auch das Umfeld kannte. Deshalb konnte ich sozusagen gleich loslegen.

Was sind unabdingbare Voraussetzungen und Fähigkeiten für diese Funktion?

Hoffmann: Zum einen sollte man gut organisieren und vorausschauend planen können. Zum anderen sollte man sich an veränderte Bedingungen und Umstände schnell anpassen und darauf reagieren können. Dazu kommt ein hohes Maß an Kommunikationsfähigkeit. Als Sportlicher Leiter hat man vielfältige Aufgaben, deshalb muss man sehr flexibel sein und sehr verantwortungsbewußt handeln. Und man muss bereit sein, auf einen Teil seiner Freizeit zugunsten des Handballs zu verzichten.

Was war Deine erste Aufgabe?

Hoffmann: Meine erste Aufgabe war die Organisation der Saisonvorbereitung zusammen mit Ben Matschke. Hierunter fiel z.B. die Planung des Trainingslagers, die Organisation des Mannschaftstriathlons, die Besorgung von Testspielgegnern einschließlich der Hallenzeiten und Schiedsrichtern, die Terminierung der medizinischen Untersuchungen der Spieler, die Abwicklung der Turnierteilnahmen, Besorgung der Unterkunft für das Pokalwochenende in Fürstenfeldbruck usw.

Sind Vertragsgespräche im Allgemeinen eher heikle Angelegenheiten? Oder spannende Geschichten, was am Ende dabei herauskommen wird? Und welche Rolle spielt der Gegenüber?

Hoffmann: Vertragsgespräche waren zumindest für mich keine heiklen Angelegenheiten. Es kommt immer darauf an, wie man den Verhandlungspartnern gegenübertritt. Verhält man sich respektvoll, widerfährt einem auch der nötige Respekt. Im Endeffekt sitzen doch Spieler und Berater auf der einen Seite und der Verein auf der anderen Seite an einem Tisch, weil man bereit ist, erstmals oder weiter zusammenzuarbeiten. Es ist ein Aufeinanderzugehen, ein sich Annähern an die für beiden Seiten akzeptable Lösung. Deshalb sollte man eine angenehme Gesprächsatmosphäre schaffen, egal wie hart die Verhandlungen sind. Spannend sind diese allemal. Ich bin, bevor ich die Vertragsgespräche übernommen habe, vor dem einen oder anderen Berater gewarnt worden. Diese Warnungen haben sich jedoch nie bestätigt.

Wann begannen die personellen Planungen für die kommende Spielzeit?

Hoffmann: Ich habe die Aufgabe der Kaderplanung für die kommende Runde Mitte/Ende November 2016 übertragen bekommen.

Neben der Kaderplanung hattest Du auch immer wieder kurzfristig Ausschau nach Spielern zu halten, weil sich die Verantwortlichen der TSG entschlossen, auf Verletzungen und Krankheiten mit Nachverpflichtungen zu reagieren. Was ist in diesem Belang von besonderer Bedeutung?

Hoffmann: Die große Kunst besteht darin, einen Ersatz zu finden, der zum einen sportlich als auch menschlich zum bestehenden Kader passt und zum anderen auch noch finanzierbar ist. Das ist nicht immer ganz so einfach. Aber ich denke, wir haben mit den verletzungsbedingten Nachverpflichtungen ein glückliches Händchen gehabt.

Wie schafft man es, beispielsweise einen Hilmar Gudmundsson so schnell an Land zu ziehen? Oder Max Haider, Mathias Lenz und Jan Remmlinger für die Eulen zu gewinnen?

Hoffmann: Schlussendlich, indem man die bereits bekannten Berater anruft und sich nach möglichen Kandidaten erkundigt, die in das Anforderungsprofil passen und noch auf dem Markt sind. Zudem hatte Ben bereits jede Menge Kontakte, sodass wir in relativ kurzer Zeit mehrere Alternativen zur Verfügung stehen hatten. Und dann obliegt es natürlich dem Verhandlungsgeschick der Beteiligten, eine schnelle und für beide Seiten zufriedenstellende Lösung zu finden.

Was bedeutet es für Trainer, Mannschaft und Verein, dass die Kaderplanungen für die nächste Spielzeit bereits im Februar abgeschlossen werden konnten?

Hoffmann: Der frühe Abschluss der Kaderplanung gibt dem Trainer, dem Verein aber auch der Mannschaft größtmögliche Planungssicherheit. Und es ist bekannt, dass der Spielermarkt im März bzw. April nicht mehr so viele Alternativen bietet. Auch deshalb war es wichtig, rechtzeitig den Kader für die neue Runde zusammenzustellen.

Was ist stressiger, was ist zeitintensiver? Der Job des Co-Trainers oder der des Sportlichen Leiters?

Hoffmann: Zeitintensiv waren beide Positionen. Aber jede auf eine andere Weise. Als Co-Trainer habe ich natürlich viel mehr Zeit auf der Straße verbracht, als danach als Sportlicher Leiter. Während ich aber als Co-Trainer feste Zeiten vorgegeben hatte, hatte ich als Sportlicher Leiter eigentlich nie fixe Arbeitszeiten. Man war sozusagen immer in Bereitschaft und hat oft ad hoc handeln müssen. Das hatte natürlich auch große Auswirkungen auf die Freizeit. Man konnte eigentlich nie seine „freie“ Zeit verplanen.

Kaderplanung, Vertragsgespräche, DHB-Mitgliederversamlung in Leipzig: Wie hat sich der zeitliche Aufwand mit den Funktionen verändert?

Hoffmann: Also das Arbeitspensum hat als Sportlicher Leiter schon deutlich zugenommen. Und natürlich auch die Aufgabenvielfalt. Als Co-Trainer hat man doch einen eng eingrenzten Aufgabenbereich. Als Sportlicher Leiter ist man Mädchen für alles und eigentlich ständig im Dienst.

Die Kluft zwischen der ersten und zweiten Handball-Bundesliga ist gewaltig. Welchen Bedingungen müssten sich bei der TSG zuvorderst wie ändern, um in der ersten Liga konkurrenzfähig zu sein?

Hoffmann: In erster Linie die finanziellen. Der von allen Seiten kolportierte Etat von rund einer Million gibt einem Verein kaum die Möglichkeit, einen konkurrenzfähigen Kader auf die Beine zu stellen. Wenn man finanziell mithalten und eine realistische Chance auf den Klassenerhalt haben will, muss man einen Etat von mindestens 3 Mio. € anstreben. Dann muss man sich alternative Trainingsmöglichkeiten schaffen. Die Rieshalle, in der die TSG seit Jahren trainiert, ist in die Jahre gekommen und teilweise sanierungsbedürftig. Noch dazu müssen wir uns die Zeiten mit anderen Nutzern, wie Schule und anderen Vereinen, teilen. Zeiten in der Braunhalle zu bekommen, ist auch schwierig, da dort der Nachwuchs und die andere Sparten der TSG trainieren. Inwieweit die Eberthalle als Spielort zukünftig noch die Anforderungen für die 1. Bundesliga erfüllt, bleibt abzuwarten. Unter Umständen kommen in den nächsten Jahren noch kostenintensive Sanierungen auf die Stadt zu, die ja bereits mehr als klamm ist. Und man wird sich verstärkt über das Nachwuchskonzept Gedanken machen müssen. Wie bekomme ich die Talente aus der A-Jugend-Bundesliga in die Bundesliga-Mannschaft und welche Rolle spielt die 2. Mannschaft für die Spieler, die nicht sofort den Sprung in den Bundesligakader schaffen. Ich bin gespannt, welchen Lösungen die Verantwortlichen zu diesen Themen in Zukunft präsentieren.

Sollte die Stadt Ludwigshafen eines Tages die Friedrich-Ebert-Halle sanieren, hätten die Eulen keine Möglichkeit, dort zu trainieren und zu spielen. Welche Alternativen hätte die TSG?

Hoffmann: Die Braunhalle erfüllt ganz sicher nicht die Anforderungen an einen Bundesliga-Spielbetrieb. Bliebe eigentlich in unmittelbarer Nähe nur die SAP-Arena. Was anderes fällt mir auf Anhieb nicht ein. 

In Sachen Infrastruktur: Was wäre für die TSG ein zukunftsfähiges Projekt?

Hoffmann: Der Neubau einer modernen Sport- und Veranstaltungshalle, mit der die TSG konkurrenzfähig wäre. Das Projekt könnte lauten „BASF-Arena 2025“.

Und welche Visionen hast Du in Bezug auf die Eulen?

Hoffmann: Ich denke, die Vision kann nur sein, sich als Erstligist mal über mehrere Jahre zu etablieren. Alles andere kommt danach vielleicht sogar ganz von selbst.

Seit dem 1. Juli bist Du nicht mehr Sportlicher Leiter bei der TSG. Was bleibt aus den beiden Jahren bei den Pfälzern besonders haften? Und inwieweit wirst Du dem Handball künftig verbunden bleiben?

Hoffmann: Ich denke, dass sowohl der Anfang als auch das Ende des sportlichen Engagements bei den Eulen am stärksten haften bleiben werden. Das erste Spiel als Co-Trainer und das gleich bei einem der großen Traditionsvereine des deutschen Handballs, nämlich TUSEM Essen, war ein ganz besonderes, da hatte ich beim Anpfiff der Partie Gänsehaut. Und was gibt es Schöneres und Emotionaleres, als sich am letzten Spieltag nach einem Herzschlagfinale mit dem Aufstieg in das Handballoberhaus zu verabschieden. Ich spürte nicht nur große Freude, sondern auch Genugtuung und große, innere Zufriedenheit darüber, dass sich die Anstrengungen und Entbehrungen der letzten zwei Jahre doch noch ausgezahlt haben. Ich bin stolz, ein Teil der Friesenheimer Handballgeschichte zu sein.
Ich denke, ich muss keine bestimmte Funktion innehaben, um mit dem Handball verbunden zu bleiben. Der Handball war und ist ein wichtiger Bestandteil meines Lebens und wird es weiterhin sein. Ob, wie in naher Zukunft, als reiner Beobachter und Fan dieser Sportart oder in einer bestimmten Funktion, wird sich zeigen. In den nächsten Wochen werde ich aber erst einmal meine Freizeit ohne Handball genießen und vieles nachholen, auf was ich in den letzten vier Jahren verzichten musste.

(Interview: Gerold Kuttler)


   

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