Handball-Zeitung

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HBZ-Jugendförderung-Interview mit Jens Klein, Kadertrainer Jahrgang 2003

Michael Kleinmann im Handball-Zeitung.de-Interview mit Jens Klein:

„Folgender Grundsatz: Individuelle Ausbildung vor Gruppentaktik, vor Mannschaftskonzept! Warum? Ohne eine gute individuelle Ausbildung wird es später schwer sein ein erfolgreiches, kooperatives Spiel aufzuziehen.“

Michael Kleinmann (MK): Hallo Jens, du bist der verantwortliche Bezirksauswahl-Trainer Wiesbaden/ Frankfurt für den männlichen Jahrgang 2003. Bitte stelle dich unseren Lesern kurz vor, wer du bist und was du bisher im Handball so gemacht hast.

Jens Klein (JK): Hallo, ich bin Jens Klein und wenn man den Erzählungen vom Ball in der Babywiege glauben darf, dann begleitet mich der Handball nun schon 40 Jahre. Wie viele der heutigen jungen Auswahlspieler, habe auch ich schon als Kind davon geträumt in den großen Arenen Handball zu spielen. Und ich kann allen jungen Lesern nur den Tipp geben, sich diesen Traum von keinem Erwachsenen nehmen zu lassen.

MK: So alt bist du doch noch gar nicht! Spaß bei Seite, hast du dir den Traum nehmen lassen?

JK: Nein, mit 18 Jahren bin ich das erste Mal in der zweiten Bundesliga für den TSV Karlsruhe-Rintheim aufgelaufen. Es waren zwar nur tausend Zuschauer und nicht wie heute Zehntausend mit Lichteffekten und Feuerwerfern, aber es war ein sensationelles Gefühl.

MK: Da wir gerade bei deinem handballerischen Werdegang sind, was kannst du den jungen Handballern aus deiner Erfahrung mit auf den Weg geben?

JK: Zum einen, wie gerade erwähnt, den Traum nicht aus den Augen zu verlieren, auch durch keine Niederlage. Und zum Thema der Auswahl betreffend: sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, wenn man den Sprung in eine weiterführende Auswahl nicht schafft. Ich hatte zum Beispiel die Konstellation im Handball-Super-Jahrgang 1973 geboren zu sein. Auf meiner Position Rückraum Mitte gab es in diesem 73er Jahrgang gleich zwei Welthandballer mit Daniel Stephan und Stefan Kretschmar, so dass ich keine Chance in der Jugend-Nationalmannschaft hatte. Das hat mich eher motiviert statt frustriert (lacht).

MK: Hast Du noch einen ehrlichen Tipp für unsere Nachwuchsspieler?

JK: Fleißaufgaben müssen sein, wenn man weit kommen möchte. Aber sich nie den Spaß am Handballspielen nehmen lassen! Und unter dem ausgezeichneten Trainer Velimir Petkovic (Anmerkung der Redaktion: Als Trainer zweimaliger EHF-Pokalsieger mit Frisch Auf Göppingen) habe ich gelernt, dass man nur erfolgreich spielen kann, wenn man mit Herz, Engagement und Leidenschaft in jedes Training und Spiel geht.

MK: Wie habt ihr den großen Bezirk Wiesbaden/ Frankfurt aufgeteilt?

JK: Im Jahrgang 2003 männlich sind wir vier Trainer. Uns ist es wichtig, ein starkes Trainerteam für die Spieler bereitzustellen. In der Regel sind wir mit zwei Trainern in der Halle. Das ist aus meiner Erfahrung wichtig für eine hohe Qualität der Korrektur. In der Auswahl sind ja bereits talentierte und durch die Vereine gut ausgebildete Handballer. Hier geht es um den Feinschliff. So wird zum Beispiel bei den Grundübungen mit zwei Trainern intensiv gearbeitet und korrigiert. Auch können wir immer wieder einzelne Spieler aus den Übungen herausnehmen und individuell die bessere Technik schulen. Bei den spielnahen Übungen hat es den Vorteil, dass jeder Spieler beobachtet werden kann, einer coacht die Abwehr und der andere den Angriff.

MK: Wer sind deine Kollegen im Trainerteam?

JK: Wir haben das Glück unterschiedliche Stärken einbringen zu können. Markus Czmok hat Sport in seinem Studium belegt und selbst Dritte Liga gespielt sowie alle Auswahlstationen durchlaufen. Ebenso Felix Cholschreiber, der sich schwerpunktmäßig um den Stützpunkt West kümmert. Felix hat ein riesen Talent, die Jungs zu begeistern und die Techniken didaktisch gut rüberzubringen. Vom Altersabstand ist er natürlich auch am nächsten an den Kids dran. Und schließlich Jan Hendler, der sich verstärkt um den Stützpunkt Ost kümmert. Jan hat in seiner Trainerkarriere, als Vereinstrainer, bereits ein junges Talent auf dem Weg in Richtung Jugendnationalmannschaft und Bundesliga begleitet. Er war jahrelang der Jugendtrainer von Maximilian Schubert, der heute auf Linksaußen bei TuS N-Lübbecke spielt.

MK: Wie sahen die Inhalte des Trainings nach der Sichtung aus? Und was steht bei euch im nächsten halben Jahr bei den Trainingsinhalten im Vordergrund und welche Schwerpunkte setzt ihr da?

JK: Im Alter von 10 bis 12 Jahren spielt die motorische Grundausbildung noch eine wesentliche Rolle. Die Schulung von vielseitigen Bewegungsfertigkeiten, koordinativen Fertigkeiten und Schnelligkeitsfähigkeiten stehen neben der handballspezifischen Ausbildung im Vordergrund. Hört sich kompliziert an, ist es aber gar nicht. Du kennst sicherlich das Sprichwort „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“ Wenn man sich heute die Rückraumspieler in der Bundesliga anschaut: zwei Meter groß, um die 100 Kilo schwer. Und trotzdem sind sie sehr beweglich und ungeheuer dynamisch. Die Grundlagen hierfür wurden vor der Pubertät gelegt. Zum Beispiel ist es günstig die Gleichgewichts- und Schnelligkeitsfähigkeit vor der Pubertät zu trainieren. Auch werden wir demnächst ein paar extra Einheiten Turntraining mit erfahrenen Turntrainern anbieten.

MK: Bedeutet dies, dass der Ball im Trainingsnetz bleibt?

JK: (Lacht) Nein, um Gottes Willen. Selbst beim Athletiktraining haben die Jungs den Ball in der Hand. In diesem Alter hatte ich sogar den Ball mit im Bett, ich hoffe das machen die Jungs auch (lacht laut). Spaß beiseite, selbst Gleichgewichtsübungen machen wir mit Ball. Zum Beispiel einfach die Langbank umdrehen, auf einem Bein balancieren und sich gleichzeitig mit Tennisbällen zupassen. Es gibt viele Möglichkeiten die jungen Spieler über Aufwärmspiele und Wettkämpfe an das altersgerechte Athletiktraining heranzuführen. Und man glaubt gar nicht, wie schnell und geschickt die Jungs zum Beispiel bereits mit der Agility-Leiter umgehen.

MK: Wie sieht es in diesem Alter in der Auswahl mit Spielzügen aus?

JK: Bei diesem Punkt bin ich sehr balkanorientiert geprägt, was vielleicht an meinen Erfahrungen mit Velimir Petkovic liegt. In den jungen Jahren gilt bei der rein handballtechnischen Ausbildung aus meiner Sicht, insbesondere auch im Auswahltraining, folgender Grundsatz: Individuelle Ausbildung vor Gruppentaktik, vor Mannschaftskonzept! Warum? Ohne eine gute individuelle Ausbildung wird es später schwer sein ein erfolgreiches, kooperatives Spiel aufzuziehen. Nur wenn ein Spieler torgefährlich ist, unter anderem durch ein hohes Repertoire an Wurfvarianten, bindet er die Abwehrspieler und es entstehen Überzahlsituationen für die Mitspieler.

MK: Kannst du uns bitte Einblicke über eure Trainingsarbeit im Kader hinaus geben, was motiviert euch Trainer?

JK: Schaut man über den Tellerrand, dann motiviert uns, dass man den Kindern bzw. Jugendlichen neben den handballspezifischen Fähigkeiten auch andere Thematiken weitergeben kann. Gewisse Werte und die persönliche Weiterentwicklung stehen über den Titeln. Nicht jeder Spieler wird eines Tages Profi, auch wenn man in diesem jungen Alter weiter davon träumen soll. Wir wollen den jungen Menschen ein Teilstück begleiten und ihm die Möglichkeit geben, auch etwas fürs Leben mitzunehmen.
Klar ist es aber auch schön zu sehen, wenn man mal ein Talent eine Phase begleitet hat und seinen Namen später in der Handballnationalmannschaft wiederfindet. Das ist mir beim Badischen Handballverband schon wiederfahren, das ist ein tolles Gefühl!

MK: Das heißt, dass euch die Entwicklung von Spielerpersönlichkeiten sowohl für den Sport als auch für das Leben am Herzen liegt?

JK: Ja richtig. Eine starke Spielerpersönlichkeit bringt seine Stärken in das Team ein, zeigt Bereitschaft Verantwortung zu übernehmen. Er ist selbstbewusst, zuverlässig und charakterstark. Aus meiner Erfahrung sind das auch die Eigenschaften, die einen beruflich und persönlich weiterbringen. Und nur solche Spielerpersönlichkeiten kommen auch in den Auswahlmannschaften sehr weit!

MK: Die Jugendspieler interessiert sicherlich, was du ihnen aus deiner eigenen Jugenderfahrung mit auf den Weg geben kannst? Das wäre eine schöne Abrundung des Interviews.

JK: Puh Michael, jetzt bringst du mich aber zum schwitzen (grinst). Mir fallen einige Themen ein, aber vielleicht ist es für die jungen Spieler motivierender, wenn ich von deutlich erfolgreicheren Weggefährten aus meiner Jugendzeit eine Kleinigkeit erzähle. Ich komme ja aus Karlsruhe, genauso wie Mehmet Scholl und Oliver Kahn. Oliver war auf dem gleichen Gymnasium wie ich. Und wir wollen jetzt nicht diskutieren, ob er ein sympathischer oder unsympathischer Schulkollege war (lacht). Aber definitiv hat er ein super Abitur gemacht. Das möchte ich den jungen Leuten weitergeben. Selbst ein späterer Welttorhüter, der schon in jungen Jahren freiwillig und mit viel Spaß zusätzliche Trainingseinheiten absolviert hat, hat seine Schulausbildung immer ernst genommen.

MK: Hast du noch etwas?

JK: Und wie bereits oben erwähnt. Handball soll Spaß machen. Setzt euch nicht unter Druck! Auch nicht von außen! Erfolg kommt nur durch Leidenschaft, durch eure eigene Leidenschaft!

MK: Jens, meinen herzlichen Dank für diese tollen Antworten und die interessanten Hintergrundinformationen und deine Grundeinstellungen.


   

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